3. Aug. 2011
von Kai Mader
Wir bekommen allenthalben die Forderung um die Ohren gehauen, Deutschland solle um hochqualifizierte Einwanderer werben und die Hürden für deren Zuzug senken, wie es auch jüngst Philipp Rösler äußert: “Wir müssen jetzt dringend handeln und die Zuwanderung von Fachkräften deutlich erleichtern” [...]“Dazu müssen wir die Gehaltsschwelle von derzeit 66.000 Euro auf 40.000 Euro pro Jahr absenken.”
Auch Arbeitgeberverbände äußern sich unverdrossen in dieser Weise. Rainer Brüderle, ebenfalls FDP, spricht sich für die Aussetzung der Vorrangprüfung in allen Branchen aus und äußert sich weiter: “Eine Unterscheidung nach Branchen im Moment ist nicht nachhaltig: Jetzt fehlen vielleicht Ärzte und Ingenieure, morgen fehlen jedoch Fachkräfte in weiteren oder anderen Feldern”. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) will vor allem Hürden für ausländische Ärzte und Ingenieure gesenkt sehen.
Auf der Netzseite von N-TV, in einem Artikel vom 22. Juni 2011, heißt es „Deutsche Firmen dürfen künftig Ingenieure für Maschinen- und Fahrzeugbau sowie für Elektrotechnik, aber auch Ärzte aus Nicht-EU-Staaten einstellen, ohne nachweisen zu müssen, dass kein einheimischer Bewerber verfügbar ist. Dies sieht das Fachkräftekonzept vor, das am Vormittag vom Kabinett beschlossen werden soll.“ Derartige Meldungen und Äußerungen sollen uns fortwährend den Verstand vernebeln und den Eindruck der „Alternativlosigkeit“ vorgaukeln, oder uns vorspielen, wir gingen einer Lage entgegen, die über uns hereinbricht, gleichsam einer Naturkatastrophe.
Aber: Dieses propagierte Desaster ist weder über uns hereingebrochen wie eine Naturgewalt, noch ist das die ganze Wahrheit. Wer redet in diesem Zusammenhang von der auf uns lastenden Auswanderung von Fachkräften? Aus Deutschland wandern jährlich derart viele Ärzte, Ingenieure und andere Ausgebildete aus, daß dies im Laufe von mehreren Jahren einem gewaltigen Aderlaß gleichkommt. Diese Auswanderer haben in Deutschland eine aufwändige und teure Ausbildung durchlaufen, für die großenteils die Gemeinschaft aufgekommen ist.
Dieselben Marktschreier, die uns mit dem Geheule vom Fachkräftemangel auf den Nerv gehen, haben es seit Jahren und Jahrzehnten zu verantworten, daß hierzulande Bedingungen herrschen, die diese Hunderttausende aus dem Land treiben. Seit Jahren haben sie es nicht geschafft, Ärzten ein Arbeitsumfeld zu schaffen, ob in der Stadt oder auf dem Lande, welches sie für ihre Zukunft nicht Skandinavien oder außereuropäische Länder vorziehen läßt. Ingenieure ziehen es vor Deutschland und gar Europa den Rücken zu kehren; die hier händeringend gesuchten Naturwissenschaftler ziehen häufig die USA ihrer Heimat vor. Soll uns doch keiner erzählen, es liege an der Reiselust der Leute und ihrem Entdeckerdrang, daß Sie ihrer Heimat den Rücken kehren.
Und einen weiteren Aspekt gibt es, neben der Auswanderungswelle: Die heimische Arbeitslosigkeit von Qualifizierten. In einer dpa-Meldung, die gestern in Zeitungen abgedruckt zu finden war, heißt es „Auch Qualifizierte verlieren oft den Job.“ Trotz guter Konjunktur hätten im ersten Halbjahr 1,5 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verloren; über eine Millionen der Neu-Arbeitslosen verfügten über eine abgeschlossene Lehre oder ein Hochschuldiplom, dies gehe aus einer Analyse des Deutschen Gewerkschaftsbundes hervor. Das Risiko, arbeitslos zu werden, sei selbst für Qualifizierte sehr hoch, so der DGB-Arbeitsmarktexperte, Wilhelm Adamy. Schuld daran seien vor allem „instabile und befristete Beschäftigungsverhältnisse, unzureichende Personalplanung der Unternehmen, wirtschaftlicher Strukturwandel und konjunkturelle Schwankungen.“ Von den 1,444 Millionen Neu-Arbeitslosen des ersten Halbjahres 2011 hätten 908.000 einen Berufsabschluß und 110.000 einen Hochschulabschluß.
- Man höre und staune!
Nun, abgesehen davon, daß man hier schon einen Teil der Gründe aufgezeigt bekommt, weshalb viele Gutausgebildete Deutschland verlassen, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob das die Bedingungen sind, unter denen es gelingen mag, qualifizierte Ausländer für den hiesigen Arbeitsmarkt zu gewinnen und hier zu halten.
Sollten wir nicht vorrangig darauf hinarbeiten, Inländer mit Ausbildung hier zu halten, ihnen gute Bedingungen zu schaffen?! Ist es wirklichkeitsnah, anzunehmen, daß beispielsweise Ärzte aus fernen Ländern ihre Heimat, ihre Freunde und Verwandten verlassen, um in einem Land berufstätig zu werden, welches von angestammten Jung-Ärzte scharenweise verlassen wird und dessen Bildungssystem inzwischen einen eher zweifelhaften Ruf genießt? – Nein, und daß dies Ideen aus dem Kramladen der einfältigen Verzweiflung stammen, geboren aus derselben Dummheit, die diese Bedingungen schuf und verfestigte, ist offenkundig.
Gerade heute ist aktuellen Meldungen zu entnehmen, daß Deutschland die geringste Geburtenrate in Europa aufweist. Ob dies verwundert, kann man dahingestellt sein lassen. Aber es ist keine neue Erkenntnis, und neu ist auch nicht, daß sowohl bei der viel zu geringen Zahl an Geburten und der Vergreisung der Gesellschaft, wie auch in einem erodierenden Bildungssystem, ruiniert von ideologischen Irrfahrten der 68er -Generation und ihrer geistlosen geistigen Nachfahren, wesentliche, tiefliegende Ursachen für unsere Schwierigkeiten zu finden sind. Dies birgt vor allem heftige Schwierigkeiten für die kommenden Jahrzehnte.
Zu allem Überfluß äußern sich auch noch am laufenden Band sogenannte Experten, die ihre sonderbaren Analysen und absurden Vorschläge zum Besten geben. So kann man etwa ebenfalls in der N-TV-Meldung folgendes lesen: „Unterstützung erhält Brüderle von Herbert Brücker, Experte für Zuwanderung und Arbeitsmarktpolitik beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dem Forschungszweig der Bundesagentur für Arbeit (BA). Seiner Meinung nach greift das Konzept der Regierung zu kurz. “Die Tür wird nur einen Spalt geöffnet”, sagte Brücker. Notwendig sei jährlich unterm Strich eine Zuwanderung von etwa 200.000 Personen, um den Rückgang des einheimischen Arbeitskräftepotenzials aufzufangen.“ Im Folgenden kann man dem Bericht vom 22. Juni entnehmen, daß die jüngste „Forderung“ von Rösler von diesem Experten inspiriert wurde.
Doch ein Blick in die derzeitige Arbeitslosenstatistik zeigt uns, daß dieses Narrenschiff schwer Schlagseite hat: Die Statistik des Arbeitsamtes (Arbeitsagentur) vom Juli 2011 zeigt uns, aufgeschlüsselt nach Berufsfeldern ein Bild, welches es schwer macht, diesen und anderen Unsinn hinzunehmen. Im Berufsfeld Bau, Architektur, Vermessung Gebäudetechnik stehen 243.000 Arbeitssuchende 47.000 offenen Stellen gegenüber, im Feld Naturwissenschaften, Geographie, Informatik 48.000 Arbeitslose stehen 14.000 Stellen gegenüber. im Feld Gesundheit, Lehre, Erziehung 258.000 Arbeitslose gegenüber 66.000 Stellen. Auch im Bereich kaufm. Dienstleistungen, Handel, Vertrieb Tourismus ist die Kluft groß: 472.000 innländische Arbeitssuchende gegenüber 61.000 offenen Stellen. Dies sind nur Beispiele, das ganze ließe sich erschöpfender darstellen.
Bemerkenswert ist auch der Blick auf die Statistik des Arbeitsamtes unter dem Gesichtspunkt der Ausländerarbeitslosigkeit. Insgesamt sind unter den Ausländern 14,4 % arbeitslos, unter den Deutschen ist eine Quote von 6,3 % zu finden. Markant ist die Arbeitslosenquote unter den Menschen im mittleren Erwerbsalter, zwischen 25 und 50 Jahren. Hier haben die Ausländer eine Arbeitslosenquote von 14.7 %, also etwas mehr, als der des Ausländerdurchschnittes – Deutsche ebenfalls 6,3%. Diese Erhebung gibt allerdings nicht Auskunft über die Arbeitslosigkeit von eingebürgerten Ausländern.
Zugegeben, diese Zahlen geben die Arbeitslosigkeit aller Ausländer in Deutschland wieder, welche ja vor allem ein äußerst geringes Bildungsniveau besitzen; die hochqualifizierten findet man hierin wohl nur in Ausnahmefällen. Aber wurden durch ungeregelte und vor allem ideologisch bestimmte Einwanderung in den vergangenen Jahrzehnten riesige Probleme angehäuft, deren Bewältigung kaum vorstellbar ist, will man uns nun das Heil durch eine neue Einwanderschicht versprechen.
Steht hinter alle dem nicht in der Hauptsache der Block der großen Arbeitgeber und deren Klientelparteien, FDP und Union, die mit der immer breiter angelegten Einwanderung und dem daraus folgenden Druck auf den Arbeitsmarkt – der steigenden Konkurrenz der Arbeitnehmer – ein Instrument zur Lohn- und Gehaltsdrückerei schaffen?
- Cui bono – Wem zum Nutzen?
Quellen:
http://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistik-nach-Themen/Arbeitslose-und-gemeldetes-Stellenangebot/Arbeitslose/Arbeitslose-Nav.html
http://www.n-tv.de/politik/Roesler-Zuwanderung-erleichtern-article3945271.html http://www.n-tv.de/politik/Bruederle-will-breite-Zuwanderung-article3631686.html
dpa-Meldung, am 2. August in der Presse